Die erfolgreiche Stadtmarketingleitung - mehr Bewusstsein für die richtigen Aufgaben
Verantwortliche von Stadtmarketing-Organisationen bzw. Ämtern haben es nicht leicht: Trotz ihrer leitenden Funktion, oft als Geschäftsführer*in oder Amtsleiter*in, erscheinen sie im Organigramm der Kommune doch eher im mittleren Management. Die Querschnittsaufgabe Stadtmarketing versetzt die Marketingchefs allerdings in ein komplexes Gefüge aus Akteuren. Sie arbeiten und kommunizieren in alle Richtungen und müssen dabei auf verschiedenste Anspruchsteller eingehen. Dazu gehören beispielsweise die Verwaltungsspitze, die Beigeordneten, die Wirtschaftsförderung, die Kirche, Universität, Bürgervereine, andere Organisationen und Verbände - manchmal auch eine Werbegemeinschaft - und nicht zu vergessen die Stadtpolitik. Über die Zeit hat sich dieses Beziehungsgeflecht in den Kommunen ganz individuell eingependelt. Darin verlässt sich jeder ein stückweit auf seine Kompetenzen, aber genauso gut auch auf die der anderen und agiert in einem etablierten, vernetzten innerstädtischen Miteinander.
Mehr als Pflichtaufgaben - die eigene Agenda "reseten"
Von Zeit zu Zeit kann es aber erfrischend gewinnbringend sein, dieses Geflecht und seine eigene Rolle als Marketingchef:in zu überprüfen. Insbesondere, wenn in den letzten Jahrzehnten die Gesellschaft, Medienlandschaft und die Wirtschaft gravierende Veränderungen - nicht erst nur durch die Digitalisierung und Corona - erlebt haben. Gerade dann, wenn das Stadtmarketing mit all seinen damit verbundenen Aufgaben und Prozessen, manchmal einem gleichförmigen Pflichtprogramm von jährlich wiederkehrenden Veranstaltungen, Kampagnen und Aktionen gleicht. Wenn also viele Aufgaben zu Pflichtaufgaben werden, die "nun einmal alle Städte so abzuwickeln haben" - getreu dem Motto: Machen ja alle so, deshalb auch wir.
Was übersehe ich im Alltagsgeschäft, was einen ungemeinen Vorteil für das Stadtmarketing bzw. die Stadt an sich mitbringen kann? Schwinge ich nur mit, und es funktioniert halt einfach oder habe ich eigentlich bisher unentdeckte oder nicht bewusste Möglichkeiten, viel effizienter und unmittelbarer zu handeln, übersehen? Natürlich sollte man das Bewusstsein bei den Verantwortlichen voraussetzen, stets agil und menschenverbindend das städtische Marketing zu fördern und weiter zu entwickeln. Aber ist vielen Verantwortlichen in der Position auch wirklich klar, welch Potential darin schlummert, öfter einmal selbst den Diskurs zu bestimmen, als Mentor im Netzwerk aufzutreten und Ideen und neue Ansätze einzubringen? Noch wichtiger: Ist das Bewusstsein dafür da, welche Fülle an inhärenten Aufgaben und damit verknüpften Teilaufgaben mit der Tätigkeit als Marketingchef tatsächlich verbunden sind? Die These ist die: Wäre das dem ein oder anderen Marketingverantwortlichen (mehr) bewusst, so könnte er sich seinen Berufsalltag vorausschauender und sein Wirken effektiver gestalten.
Bewusstsein für das Ganzheitliche
Mit dieser Fülle an Aufgaben sind vor allem die immer komplexer werdenden Ziele und Entwicklungshorizonte, die dem Stadtmarketing zugeschoben werden, gemeint. Dazu nimmt auch die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland e.V. (bcsd) in einem Positionspapier Stellung. Sie sieht weitere Aufgabenfelder verstärkt in den Fokus gerückt, die vielleicht so manch ein Verantwortlicher nicht selbstbewusst seinem Aufgabenbereich zuordnen würde:
Die Erhaltung und Stärkung der innerstädtischen Multifunktionalität,
eine zielorientierte Zusammenarbeit der Stadtakteure,
die Gestaltung der Stadtinszenierung,
die Begleitung der Smart City Bemühungen
und der Ausbau und die Optimierung des Dialogs mit den Bürger:innen.
Damit liegt ein Katalog an ganzheitlichen übergeordneten Zielen vor, der voraussetzt, dass man seine eigenen und die Kompetenzen des Teams sehr gut kennt - und in der Tat nicht scheu sein darf, neue Dinge im stadtweiten Netzwerk anzustoßen und einzubringen.
Diese Aufgaben und Ziele erfordern nicht nur ausgeprägtes konzeptionelles Arbeiten und ein personell gut aufgestelltes Stadtmarketing, sondern vor allem den Mut, sich über den eigenen Tellerrand hinaus einzubringen. Denn diese Ziele sind zu interdisziplinär geprägt und können nur mit dem gemeinsamen Wirken vieler Stadtakteure bewältigt werden. Es muss jemand vorangehen - die Kräfte bündeln, begeistern und vernetzen. Dazu ist es als Stadtmarketingverantwortlicher erforderlich, sich seiner Selbstwirksamkeitskräfte bewusst zu sein, die Rolle als Vernetzer, Mentor und Richtungsgeber anzunehmen.
Mut nach innen und außen zu wirken
Dabei darf auch nicht das Netzwerken nach innen, in die Fachämter der Stadtverwaltung hinein, vernachlässigt werden.
Das Stadtmarketing als Chefnetzwerker kann hier gewinnbringende Verbindungen zwischen Fachkräften der Verwaltung und externen Partnern schaffen, ohne sein Aufgabenfeld und Kompetenzen zu übersteigen.
Das aber funktioniert nur, wenn ich bereit bin, in dieser neuen Zeitenperiode - im Schatten von Corona und im Fahrwasser der Digitalisierung - Menschen zusammen zu bringen und damit unterschiedliches Wissen zu verknüpfen. Ist dieses Rollen- und Aufgabenverständnis den Stadtmarketingleitungen bewusst? Also: Mut zur Entdeckung der eigenen Selbstwirksamkeit, Mut, die Dinge anzugehen - auch wenn noch keine Lösung auf der Hand liegt.