Stadtmarketing in der Coronakrise - nicht mutig genug?

Die Dynamik der Corona-Pandemie offenbart in vielen Städten ein langsames Handeln der Verantwortlichen und lässt spannende Ideen - vor allem Wagemut vermissen. Stadtmarketingcontent - viral, lokal, offline, online - wäre gerade jetzt angebracht, um die Negativität des zurückgezogenen Stadtalltags aufzufangen. Viele Kommunen bemühen sich mit kleinen Aktionen. Der Eindruck bleibt aber, dass es vorwiegend die Vereine, Organisationen und Bürgergruppen sind, die sich aus der Deckung trauen und Engagement zeigen. Viele Verantwortliche in den städtischen Marketingabteilungen wirken zu zarghaft und scheuen sich, gerade jetzt die Mentoren- und Netzwerkerrolle zu übernehmen und mit gut getimten Aktionen auf die eigene Marke der Stadt einzuzahlen. Es ist mehr möglich, als Einkaufsgutscheine, Listen mit Infos zu Einzelhändlern und Gastronomiebetrieben, Online-Shops, Mutmacherslogens und Bürgermeisterstatements.
Stadtmarketing muss authentisch bleiben
Diese dynamische und einzigartige Zeit eignet sich hervorragend, um Bürgerinnen und Bürgern die Hand zu reichen und zu sagen: Ich bin deine Heimat und du bist ein Teil davon - ich lasse dich nicht allein mit der Pandemie. Damit kommt eine psychologische Komponente des Stadtmarketings zum Tragen: die Rolle des Kümmerers - indem das Wenige, was die Stadt nun in der arg isolierenden Zeit für seine Bürger tun kann, weiterhin sichtbar bleibt.
Dabei ist die Art und Weise, wie ich das Angebot verpacke, ungemein wichtig. Bürger:innen müssen es als ernstgemeinte und sinnvolle Bereicherung erkennen können. Das Angebot muss also ehrlich sein, kein Vermarktungs-Schnickschnack - auch wenn es unter Corona-Bedingungen mit heißer Nadel gestrickt ist. Ehrlich, wie eine Hose mit einem Loch, die eben trotzdem gut sitzt. Die Stadt identifiziert sich für den Bürger im Idealfall als authentischer Kümmerer.
Denn gerade jetzt braucht der Bürger seine Stadt, ist er besonders empfänglich für ihr Wirken. Richtig gemacht und dosiert wird er es ihr lange danken. Daraus kann auch so etwas wertvolles wie Identitätsverknüpfung resultieren.
Ratgeber: Ideen für ein Corona-Stadtmarketing
Im folgenden eine kleine Sammlung von praktischen Ideen aus der Redaktion sowie aus Kommunen, die sich nach vorne trauen:
1. Summer in the City - Autokinos überall
Ja, einige tun oder planen es. Viele andere Kommunen nicht, da unter anderem die Kosten zu hoch sind. Auch müssen Veranstalter, Sponsoren und unkomplizierte Lösungen mit Eigentümern, Ordnungsämtern und Anwohnern erarbeitet werden.
Die Familie in einem Auto, geparkt auf einer frühsommerlichen Wiese, im Gepäck die eigenen Getränke und Snacks, die Platzreservierung im Vorfeld per Telefon oder Online-Buchung gelöst. Dagegen sollte auch mit Blick auf die deutschlandweit unterschiedlich gestalteten Schutzverordnungen und Pandemieentwicklung wenig sprechen. Das Gefühl, ob mit Partner:in oder der Familie an etwas Außergewöhnlichem teilzunehmen, kommt noch hinzu. Star Wars oder die populäre Komödie aus den 80ern nach Sonnenuntergang in der Heimatstadt - das verbindet im Geiste und erinnert an den Charme der alten Autokinos.
2. E-Sport-Wettbewerbe für alle Bürger - auch für Nichtzocker
E-Sport bzw. Zocken ist für viele kein Sport und wird durchaus kritisch gesehen. In der Not muss man aber schauen, was möglich ist und kurzweilig Spaß macht. Und mit dem heimischen PC, Laptop, Smartphone, Tablet oder der Spielkonsole kann sich jeder mit dem Internet verbinden. Fast jeder hat das mal ausprobiert: sei es Tetris, Rennspiele oder Wettkampf-Ratespiele auf dem Smartphone. Wenn nur wenig geht, aber DAS geht, sollte man sich dem zuwenden. Die Idee: Auf wenige Games konzentrieren, die einen Online-Modus bieten und diese über den städtischen youtube-Kanal live übertragen. Unter dem Deckmantel der Corona-Pandemie darf dann auch das gestresste und in Quarantäne befindliche Elternteil zocken. Wenn das dann gegen die Nachbarn im eigenen Wohnquartier oder Arbeitskollegen möglich ist - umso unterhaltsamer. Ein Matchfinder wird online auf der städtischen Webseite eingerichtet. Eine kleine E-Sport-Familien-Stadtteilliga, so etwas würde nie wieder passieren.
3. Mobile Lebensberatung für alle
Die Pandemie und der Fokus auf die eigene Wohnung wirken sich auf die Sozialität und Psyche der Bürger:innen aus. Darüber ist schon viel geschrieben und diskutiert worden. Diesen Diskurs - der ebenso auf städtischer Ebene stattfindet - sollte nicht allein den Stadt- und Gemeinderäten oder den Tageszeitungen überlassen werden.
Gegenwirken: Mit einem proaktiven Angebot an alle Einwohner der Stadt, in Form einer kostenfreie Lebensberatung durch ein mobiles Team aus städtischen Sozialarbeitern oder Psychologen. Von der Familie aus sozial schwachem Milieu, über die Studenten-WG bis hin zum Universitätsprofessor - alle müssen Zielgruppe sein. Der Großteil wird das Angebot nicht annehmen. Der Effekt und die Rolle der Stadt als Kümmerer erzeugen in der Wahrnehmung bei den Bürger:innen aber einen Pluspunkt, der genauso viel Wert sein kann, wie dieses ernstgemeinte Angebot zu einem guten Gespräch. Der Verband der östereichischen Lebens- und Sozialberater:innen macht es vor.
4. Bürger-TV aus dem Rathaus
Die Stadt Geseke aus Westfalen ist Vorreiter. Dort informiert das Rathaus-TV täglich mit Corona-Updates auf dem städtischen youtube-Kanal seine 22.000 Einwohner. Wie es scheint, ein voller Erfolg: Bisher sind mehr als 200.000 Video-Aufrufe bei rund 22.000 Einwohnern verzeichnet worden. Dieses Angebot ließe sich zudem hervorragend über die eigenen Social-Media-Kanäle vermarkten.