Da war doch noch was: Die Innenstadt-Strategie des Bundes

Das Bild der Innenstadt und der Ortskerne, wie viele es kennen, löst sich gerade auf und setzt sich neu zusammen. Diese Entwicklung hat nicht erst nur durch die Digitalisierung ihre Beschleunigung erhalten. Die Corona-Pandemie und jetzt die Energiekrise sind weitere Verstärker, die nicht gerade zimperlich mit dem vertrauten Bild unserer Cities umgehen.

Damit die Folgen der Pandemie besser aufgefangen werden sollten, hatte das Bundesministerium des Innern und für Heimat (BMI) den Beirat Innenstadt gegründet. Dieser hat 2021 seine Innenstadtstrategie mit dem Untertitel "Die Innenstadt von morgen – multifunktional, resilient, kooperativ" vorgelegt, an der auch die Bundesvereinigung City- und Stadtmarketing Deutschland (bscd) e. V. mitwirkte. Ganz so viel ist seit der Veröffentlichung noch nicht drüber gesprochen worden. Sicherlich auch der Pandemie geschuldet. Das 50 Seiten starke Ergebnis sieht unter anderem eine stärkere Beteiligungs- und Kommunikationsleistung der innerstädtischen Akteure und Allianzen vor - womit sich insbesondere die Stadtmarketingverantwortlichen angesprochen fühlen sollten.

An sie geht der Aufruf, mit neuen Ideen und Impulsen die Cities zu aktivieren, zu Diskussionen anzuregen und dabei die Zukunft der Innenstadt gemeinsam zu gestalten. Das könnte man sicherlich auch als Arbeitsauftrag verstehen. Tatsächlich sind in vielen Kommunen Diskurse zu dem brennenden Thema aufgeploppt, von denen man sich mittel- und langfristig eine neue Weichenstellung erhofft, die für Handel, Verwaltung, Besucher und Bürger gleichermaßen funktioniert.

"Ab in die Mitte" oder ins Reallabor?

Der ein oder andere Stadtvermarkter wird bei dem Thema jetzt vielleicht ganz kurz an die NRW-City-Offensive "Ab in die Mitte" schmunzelnd denken, mit der sich die Stadtverwaltungen schon vor rund einem Jahrzehnt rege um eine Aufwertung der Innenstadtlagen bemüht haben bzw. bemühen sollten.

Aber weiter in der Neuzeit: "Vernetzen" und "Verantwortung" übernehmen heißt es in der differenzierten Zusammenfassung der Bundesstrategie. Klar ist aber - und das bringt das Papier deutlich auf den Punkt: Die Transformation der Innenstadt ist eine Herausforderung für die gesamte Stadtgesellschaft. Eine Herausforderung, die Stadtmarketing, Citymanagement und Wirtschaftsförderung an einem Strang ziehen lässt. Ohne dieses Gemeinsame, diesen wichtigen Schulterschluss, funktioniert es nicht.

Gehen wir hier exemplarisch auf nur eine Handlungsempfehlung aus der Bundesstrategie stark abgeschichtet ein - da sie derzeit auch Mode ist und häufig in Verwendung und Diskussion steht: Die Kooperationsform Reallabor nutzen, heißt es dort, um die Probleme der Innenstädte besser zu ergründen und Lösungen zu finden. Interessant ist dabei, dass der Begriff "Reallabor" in den letzten Jahren immer öfter im Rahmen der Stadt- bzw. Innenstadtentwicklung genutzt wird und in Konzepten, Berichten und Strategien auftaucht. Das Reallabor entpuppt sich dann in der Umsetzung in den Kommunen des Öfteren aber als trockener Bürger-Workshop, auf dem schlichtweg häufig "nur" kommunikativ Meinungen und Ideen eingesammelt werden. Ehrlicherweise sollte das dann besser als Bürgerdialog beworben werden, an dem natürlich auch absolut nichts falsch wäre. Damit findet allerdings kein wirklicher Experimentierraum statt. Unrealistisch also, davon einen dauerhaft positiven Effekt auf die Innenstädte zu erwarten.

Es ist jetzt aber an der Zeit, den Begriff Reallabor ernster zu nehmen und der Bedeutung nach mit Leben zu füllen.

Nämlich per Definition nach als Kooperationsinstrument zwischen Zivilgesellschaft, Unternehmern und Wissenschaft, um damit durch gegenseitiges Lernen eine Sache zu befördern und nach vorne zu bringen. Reallabore würden, so genutzt, eine hervorragende Unterstützungsleistung für die Probleme der Innenstädte bieten.

Die Betroffenen in den Städten bzw. Innenstädten wollen und suchen diese experimentelle und tiefergehende Auseinandersetzung mit den Problemlagen. Ihnen muss jetzt geholfen werden. Dabei wären wir wieder bei der Mentorenrolle der Stadtverwaltung und dem Stadtmarketing, die hierbei hervorragende Arbeit leisten könnten.

Vielleicht will man ja dafür die Innenstadtstrategie des Bundes wieder hervorholen? Schnell ausgedruckt wäre sie bestimmt.